Logo
Religionen

Wenn das Wort Fleisch wird, passiert etwas

Klinikseelsorger Markus Walser, Wil SG, macht sich mit dem Bibelwort «Am Anfang war das Wort» aus dem Johannesevangelium 1,1 – 2 Gedanken zum Reformationsjubiläum.

… Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit eines einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit (ebd. 1,14).

Das Wort in der Mitte
Die Reformation stellt das Wort in die Mitte. In den Erinnerungen an die Ereignisse vor 500 Jahren, in den Feiern und in allen Jubiläumsschriften fehlt nicht der Hinweis, dass am Anfang das Wort war und ist. Die ersten Worte am Anfang des Johannes-Evangeliums sind schön. Ein ruhiges Bild. Bewegung gibt es erst, wenn das Wort aufbricht, Fleisch wird und Gestalt bekommt. Das Wort wird als Mensch Jesus lebendig. Leibhaft. Sichtbar.

«Dem beängstigenden Umstand, dass die Bedeutung der Kirchenschiffe abnimmt, tragen wir Rechnung, geben uns nachdenklich.» 

Auf Vordermann gebracht
Die reformatorischen Kirchen berufen sich auf das Wort. Das Wort verbindet die Kirche durch Jesus mit Gott. Die Kirche ist Gott nahe. So lautet das Motto der St. Galler Kirche «Nahe bei Gott, nahe bei den Menschen». Mit der Berufung auf das Wort haben die Kirchen einen guten Platz zwischen Gott und den Menschen gefunden, mit solider Struktur, angelehnt an die staatlichen Ordnungen. Gut verankert, ähnlich einem Schiff im Hafen. Und jetzt für die Reformationsfeierlichkeiten auf Vordermann gebracht, verhalten herausgeputzt.

Selbstkritisch
Dem beängstigenden Umstand, dass die Bedeutung der Kirchenschiffe abnimmt, tragen wir Rechnung, geben uns nachdenklich, selbstkritisch und fragen nach Verwurzelung und Anfang. Fragen, was die ersten Kapitäne – sie sollen noch hinausgefahren sein – wollten und welche Ziele sie hatten. Damals. Jetzt ist Jubiläum angesagt. In den Masten verwirbelt der Wind die Wimpel. Ein gelegentlicher Sturm fegt mal eine Orientierungslampe fort. Doch insgesamt liegt das Schiff gut gesichert. 

Hinausfahren ist das Ziel
Nur sei das Schiff nicht dafür geschaffen, im Hafen zu ankern, sagen manche. Seine Aufgabe ist es, hinauszufahren, Menschen und Häfen zu verbinden. Sonst wird es zum Museumsschiff. Besichtigung mit Eintritt oder freier Kollekte. Als Museumsschiff braucht es keinen Tritt in den Hintern. Es soll ja liegen bleiben.

Ungesichert, aber aufgebrochen
Als das Wort Gottes Fleisch wurde, passierte etwas. Vorbei war es mit der idyllischen Ruhe an Gottes Busen. Der Prophet Ezechiel berichtet, dass durch Gottes Wort Fleisch an die alten Knochen kommen und Leben entstehen soll. Wenn das Gotteswort, immerhin auch ein wenig Kirchenwort, Fleisch wird, geschieht etwas. Aus dem Wort wird Leben. Vielfältiges, Farbiges. Mit Widerständen und Gegenwind. Ungesichert, jedoch aufgebrochen und bewegt.

 

Text: Markus Walser, Klinikseelsorger, Wil | Bild: Katharina Meier  – Kirchenbote SG, Oktober 2017

 


KIRCHENBOTE E-PAPER

Alle Kirchenboten ab 2002 zum Lesen, Suchen und Herunterladen...

Mit Zwingli durch den Kanton – ein Roadmovie  | Artikel

Das Roadmovie mit Zwingli und der ReformierBar ist da! Hier sind Sie dabei. 


Mithören: Gottesdienst zum Jubiläumsauftakt  | Artikel

 Mit den Festgottesdiensten in St. Gallen und Gottesdiensten in den Kirchgemeinden startete am Sonntag, 5. November 2017 das Reformationsjubiläum im Kanton St. Gallen. Wer den Festgottesdienst nochmals hören oder ihn erstmals zu Gemüte führen will, dem bietet sich hier die Gelegenheit. 


Zwitschern Sie mit!  | Artikel

Seit Ende September lädt der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) die Bevölkerung ein, über den Glauben nachzudenken. Dies geschieht mit einer Plakatkampagne oder mit den zwölf theologischen Kurzbotschaften, den Glaubenstweets. Lassen Sie sich vom Gezwitscher inspirieren!