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Kultur

Die Reformation frisst ihre Kinder

Literatur / In «Ketzerweib» thematisiert der Basler Autor Werner Ryser das Schicksal der Täufer anhand des Schicksals der beherzten Bäuerin Anna Jacob, die sich gegen Kirche und Hohe Herren auflehnt. Die Täuferbewegung, die im Zuge der Reformation entstand, wurde von der protestantischen Obrigkeit unbarmherzig verfolgt.

«Zwingli hat eine miese Rolle gespielt», stellt Werner Ryser, Autor des Buches «Das Ketzerweib» fest. Seine Aussage bezieht der Basler auf die Erwachsenentaufe der Täufer, die der Reformator zunächst tolerierte, danach verwarf und dann untätig zusah, als seine einstigen Mitstreiter in der Limmat ertränkt wurden. Ihr Verbrechen, das man ihnen vorwarf: Sie bekannten sich zur Wiedertaufe.

 

Die neu entstandene Täuferbewegung war ein Kind der Reformation. Sie forderte nebst der Erwachsenentaufe ein «Abendmahl ohne Priester in pfäffischer Kleidung». Dies, so Ryser, war wohl der entscheidende Grund für ihre Verfolgung. Da die Täufer am sozialen, damals kirchlichen Leben nicht teilnahmen, zogen sie den Zorn der Obrigkeit und Kirche auf sich und wurden gnadenlos verfolgt.

 

Damals bestimmte die Obrigkeit über den rechten Glauben. Die Täufer vertraten indes den Standpunkt, jeder solle selbst entscheiden, welcher Kirche er zugehören möchte. Ryser: «Das mutet 200 Jahre vor der Aufklärung geradezu modern an, selbst für die heutige Zeit.» Geradezu modern war auch, dass die Täufer Gewaltlosigkeit predigten, sich dem Wehrdienst verweigerten und auf die Obrigkeit keinen Schwur leisteten. «Der Verzicht, Waffen zu gebrauchen, wurde in der Schweiz bis vor wenigen Jahrzehnten mit Gefängnis bestraft», erinnert Werner Ryser.

 

Gnadenlose Obrigkeit

 

Doch zurück zum Roman. «Das Ketzerweib» schildert das Leben der Anna Jacob im bernischen Emmental lebensnah und beschreibt das historische Umfeld präzise und detailreich. Das Leben anfangs des 16. Jahrhunderts war hart, den Menschen waren enge Grenzen gesetzt. Ueli Jacob, Annas Mann, gehört der Täuferbewegung an. Er ist ihr Lehrer. Aufgrund seines Glaubens nimmt ihn die Obrigkeit fest und verurteilt ihn zur Galeerenstrafe auf Lebzeit. Nur dank Hilfe eines Nachbarbauern, dessen Groll auf «die da oben» vom Bauernaufstand herrührt, können Anna und ihre Familie überleben. Vom Ortspfarrer missbraucht beginnt Anna Jacob auf subtile Art, sich dem Prädikant und den gnädigen Herren zu widersetzen.

 

Die junge reformierte Kirche kommt in Rysers Buch schlecht weg, sehr schlecht. «Es war nicht meine Absicht, die Reformation zu diffamieren», erklärt Werner Ryser. «Mein Hauptanliegen war es, den Kampf um die Glaubensfreiheit aufzugreifen und anhand der Täuferbewegung darzustellen.» Man solle zudem nicht werten, ohne die historischen Umstände ausser Acht zu lassen. «Kirche und Staatsgewalt bildeten eine Einheit», so Ryser. Klerus und Obrigkeit wollten verhindern, dass es nach der Abspaltung von den Katholiken noch zu weiteren Trennungen und Aufständen kam. Deshalb verfolgten sie die Täufer.

 

Wider die Gleichgültigkeit

 

Plädiert Werner Ryser für ein Verständnis für die damaligen «Hohen Herren»? Im Buch keineswegs. Die Gewalt, die die Täufer durch die Obrigkeit erfuhren, wird nicht kleingeschrieben. Im Gegenteil: Das Martyrium des Täuferlehrers Caspar Lüthi – im Nachgang des sonntäglichen Gottesdienstes – schildert Ryser in ihrer unerbittlichen Brutalität. «Diese Szene ist wichtig. Wir leben heute in einer Zeit, in der wir in den Nachrichten von Folter lesen oder hören und gleich danach am Esstisch das Konfitürenbrot gedankenlos in den Mund schieben», sagt Werner Ryser.

 

Der Buchautor hält auch mit seiner Kritik an den Täufern nicht zurück. Doch es sind leise Andeutungen, die darauf hinweisen, dass unter ihresgleichen Zweifel nicht geduldet war. Die Magd Agnes beispielsweise schöpft Kraft aus dem «Sonnengesang» des Franz von Assisi, bei Anna stösst dies sofort auf Kritik. «Die für die Glaubensfreiheit kämpfenden Täufer widerstanden der Gefahr nicht, sich abzuschotten und anderes zu verteufeln», sagt Werner Ryser. Bei einer Scheidung wurde über das Ehepaar die «Meidung» ausgesprochen und total ausgegrenzt.

 

Die von der Berner Obrigkeit verbannte Anna Jacob hatte Glück. Sie findet im welschen Jura auf dem Sonnenberg ob St. Immer, (Mont Soleil / St. Imier), eine neue Heimat. Dort, wo die Täuferbewegung bis zum heutigen Tag lebt. Rysers Buch zeigt, wie die Glaubensfreiheit unter grossen Opfern erkämpft werden musste. Sie ist auch heute nicht selbstverständlich.

 

Das Ketzerweib, Werner Ryser, Cosmos Verlag 2016, 34 Franken

 

Franz Osswald, Interkantonaler Kirchenbote


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