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Kultur

Vom Ruhepunkt im Leben

Auf den Pariser Strassen galt es, Aufmerksamkeit zu erheischen. Doch die Effekthascherei machte schnell tiefsinnigen Programmen Platz: Mit der «Sanddorn»-Nummer eroberte schliesslich der damalige Zirkus Rigolo von Lena Roth und Mädir Eugster die Herzen der Zuschauer. Nun steht für die Toggenburger ein Generationenwechsel an.

Mit der «Sanddorn-Balance» ist es dem aus dem toggenburgischen Wattwil stammenden «Rigolo Swiss Nouveau Cirque» gelungen, die Bühnen der Welt zu bespielen. In der aktuellen Wiederaufnahme von «Wings» bildet der weltweit gefeierte Balanceakt mit 13 Palmblättern den Höhepunkt der in 13 Nummern inszenierten Suche nach der ureigensten Bestimmung des Menschen.

Zu Beginn mit Effekthascherei
Begonnen hat alles vor 40 Jahren, als die Seminaristin Lena Roth aus Flawil ihren Freund Mädir Eugster bei seiner Zirkusausbildung in Paris besucht hat. Mädir hat Lena gleich eingebunden in Strassentheater, in laute und effekthaschende Darbietungen. Rigolo nannten sie sich, abgeleitet vom französischen Wort Lachen. 

Lena konnte sich damit nicht abfinden. Sie wollte Inhalte thematisieren: den Menschen, die Natur, den Kosmos. Mädir stieg darauf ein. Seine Stärke ist die künstlerische Inszenierung, inspiriert von der Natur. Mit der Geburt der Töchter kam der Wunsch nach einem festen Wohnsitz und einer eigenen Bühne auf. Rigolo liess sich in Wattwil nieder und war fortan mit dem aus Weiden gebauten «Palais Lumière» unterwegs. 

Internationale Ausstrahlung
Aus dem Stück «Sanddorn» stammt der Balanceakt mit Palmblättern. An einem Strand mit angeschwemmten Palmrispen entwickelte Mädir die Nummer, welche Rigolo weltweite Anerkennung und Ausstrahlung verschafft hat. Es kamen Anfragen von Banken, Museen, Regierungen, Firmen, ja sogar einem Königshaus – bis auch das weltgrösste Zirkusunternehmen «Cirque du Soleil» mit Sitz in Las Vegas die «Sanddorn-Balance» in sein Repertoire aufnehmen wollte.  

Die Töchter übernehmen
Mädir Eugster konnte seine eigene Truppe aber nicht verlassen und vereinbarte mit dem Unternehmen einen Wettbewerb für Artisten, welche die «Sanddorn-Balance» von Mädir lernen könnten. Auch die älteste Tochter Lara bewarb sich und wurde ausgewählt, das Erbe des Vaters für den «Cirque du Soleil» in die weite Welt zu tragen. Fünf weitere Personen aus verschiedenen Kontinenten hat Mädir Eugster inzwischen in die «Sanddorn-Balance» eingeführt, so auch die jüngste Tochter Marula. Sie führt sie jetzt als Abschluss des aktuellen Programms «Wings» auf. Auch die mittlere Tochter Nuria hat als Managerin und Finanzchefin ihren Platz bei Rigolo gefunden. Für die Eltern ist es ein grosses Geschenk, ihr Werk nach 40 Jahren an die nächste Generation weitergeben zu können. 

 «Wings»
Das in der Vorweihnachtszeit in St.Gallen aufgeführte Programm «Wings» thematisiert in gewisser Weise auch diesen Übergang. Ein Vater ermutigt seine Tochter auf ihrem eigenen Weg zu sich. 13 Nummern mit hochkarätigen Artisten symbolisieren die Lebensstationen von der Geburt bis zur Selbstfindung, die Flügel verleiht, zu seinen Fähigkeiten zu stehen. In jeder Station wird der Tochter eine Palmrispe übergeben. In der «Sanddorn-Balance» kommen die Stationen zusammen als «Erfüllung», welche auf ihre Art auch Mädir und Lena mit der Übergabe ihres Werks an die nächste Generation erleben.

 

Text und Interview: Andreas Schwendener  | Bilder: pd/as

 

Die «Sanddorn-Balance»

Kibo: Die «Balance» findet weltweit Anklang. 
Mädir Eugster: Ja, vor allem in Asien wird diese Konzentration in der Bewegung geschätzt. 

Kibo: Sie sind soeben von Dubai zurückgekehrt.
Mädir Eugster: Eine Versicherung hat mich zum Firmenanlass vor dem höchsten Haus der Welt eingeladen. Es ist schon erstaunlich, wie inmitten dieses Klamauks 700 Leute durch die zwölf Minuten dauernde «Sanddorn-Balance» zur inneren Ruhe, auch zu Dankbarkeit, finden. 

Lena Roth: Das Spezielle an dieser Ruhe ist, dass die Zuschauer nicht konsumieren. Alles ist hier langsam und am Schluss so leise, dass man den Atem der Aufführenden hört. Man wird Teil des Akts und kommt so bei sich an.  

Kibo: Marula, Du bist die Hauptfigur im aktuellen Stück «Wings» und Du führst die «Sanddorn-Balance» auf. Wie bis Du dazu gekommen? 
Marula Eugster: Die Nummer ist 20 Jahre alt, ich bin jetzt 26. So bin ich damit aufgewachsen. Doch diese zu lernen war eine grosse Herausforderung, auch für meinen Vater. Etwa anderthalb Jahre war ich damit beschäftigt. Nervosität war mein Problem. Oft wollte ich aufgeben und die Stecken am liebsten verbrennen. 

Lena Roth: Sie kam ans Limit … Das zu überwinden, braucht es Väter. Ich als Mutter hätte schon längst gesagt: Lass das, hör auf. 

Marula Eugster: Ich hätte kaum darauf gehört. Mein Ehrgeiz hätte das nicht zugelassen. 

Mädir Eugster: Ich wusste immer, dass sie da eine spezielle Begabung mitbringt. 

Kibo: Im Spitzensport muss man die Zuschauer ausblenden. Und bei der «Sanddorn-Balance»?
Marula Eugster: Ich muss auf die Balance fokussieren, aber dabei auch eine Beziehung zum Publikum aufbauen, quasi eins werden mit ihm. Das braucht viel Energie. Ich bin bei der Sache und sehe doch den Saal in Licht gehüllt. 

Lena Roth: Es ist ein wenig so, wie in der Bibel:  «Wo zwei oder drei zusammenkommen …» Wenn man in den Atem eintaucht – auch unbewusst – entsteht dieses kraftvolle Gefühl, das Ankommen bei sich, in diesem Einssein. Das sind die Flügel, die «Wings», um die es geht. (as)


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