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Kirche

Vom Wert der stillen Zeiten

«Miteinander zu schweigen, verbindet», sagt der Grabser Pfarrer John Baumann. Er leitet den Kurs «Meditieren nach dem ‹Unser Vater› ». Ein Gespräch.

Kirchenbote: Wie kommt es, dass ein Pfarrer in einer Kirchgemeinde Meditation unterrichtet? 
John Bachmann: Ich durfte in den Jahren 2014 bis 2017 eine ökumenische Ausbildung zum Meditationsleiter und geistlichen Begleiter machen. Dies geschah in einer sehr herausfordernden Zeit, wo ich den Wunsch nach Vertiefung und Verstärkung meiner Gottesbeziehung verspürte.Solche Kurse werden inzwischen in vielen Kirchgemeinden angeboten. Unser Kurs findet einmal im Jahr ökumenisch statt – mit meinem Kollegen Günter Schatzmann aus Sennwald.

«Eigentlich verrückt, dass 30 Minuten für Gott und die Seele so schwer zu reservieren sind im Tagesablauf.»

Was steht in der Bibel über «stille Zeit»? 
Die Stille gründet in der Ruhe Gottes am siebten Schöpfungstag. Wenn selbst Gott ruht – er hätte am siebten Schöpfungstag noch so viel machen können –, wie viel mehr sollten wir Pausen und Stillezeiten beachten! Jesus selbst hat die Stille gesucht, ich denke, er hat meditiert. Oft heisst es von ihm, er habe sich zurückgezogen und für sich gebetet. (Mk. 6, 30 und 46, Luk. 6, 12)

Hat die Ruhe auch einen praktischen Wert?
In Luk. 6, 12 sehen wir Jesus, der sich in die Stille begibt, bevor er seine zwölf Jünger auswählt. Vor Entscheidungen das Gebet zu suchen, ist wichtig. Bei den Exerzitien bildet die Entscheidungsfindung sogar ein zentrales Element.

An welche Traditionen schliesst diese Meditation an? 
Ich habe einen Lehrgang der ignatianischen Tradition gemacht. Ignatius war der Gründer des Jesuitenordens. In seinem Exerzitienbuch gibt er Richtlinien für geordnete Stille, Exerzitien genannt (Exerzitien: Übungen). Auf katholischer Seite gibt es sicher mehr Angebote. Auf evangelischer Seite haben wir Aufholbedarf. Das wird jetzt von vielen nachgeholt, sogar in den Freikirchen.

Was unterscheidet Beten und Meditieren? 
Beten ist gesprochene Antwort, Reden mit Gott, auch spontan im Alltag. Meditation ist still sein, sich ausrichten auf Gott, im stillen Gespräch mit ihm sein. Es sind fliessende Übergänge. Es gibt in der christlichen Tradition die Abfolge: lectio (Lesung) – meditatio (Meditation)  – oratio (Gebet). Man beginnt mit dem langsamen Lesen eines Bibeltextes (lectio), dann folgt die Meditation (meditatio), wo man über einem Wort, das einem angesprochen hat, still ist und mit Gott ins Gespräch kommt. Und Gebet (oratio) ist das zumeist laut gesprochene Antworten auf Gottes Reden in der Stille.

Kann man auch das Unser Vater meditieren? 
Schon die ersten zwei Worte genügen für eine lange Zeit der Meditation: Gott als guter Vater, wirklich gut. Das kann vieles auslösen. Manche beten einfach  «Vater» (beim Ausatmen) und «Mein Vater» (beim Einatmen). Im letzten Kurs war eine Frau, die den Satz «dein Wille geschehe» immer wieder in der Meditation wiederholt hat, weil da einfach etwas war, was ihr gut tat und sie gleichzeitig herausforderte und rief. 

Was ist der Vorteil, die Meditation in Gruppen zu üben? 
Miteinander zu schweigen und zu meditieren verbindet und steckt an. Es ist einfacher zu schweigen, wenn es die anderen auch tun.

Wozu dienen Einzelgespräche? 
In unserem Fünf-Wochen-Kurs gibt es nur ein einzelnes Gespräch. Wenn jemand aber ein halbes Jahr lang meditiert, gibt es jeden Monat eines. Die Gespräche geben Struktur. Man ist nicht allein, sondern darf reden, sich über die Erfahrungen austauschen. Es ist etwas Tolles, wenn jemand kommt und jeden Monat ein Gespräch hat nur über die Gestaltung seiner Beziehung zu Gott. Da geschieht viel Tiefgründiges.

Schafft man das, täglich 30 Minuten zu meditieren? Was sind die Fallen und Klippen? 
Für viele ist das tatsächlich nicht einfach. Eigentlich verrückt, dass 30 Minuten für Gott und die Seele so schwer zu reservieren sind im Tagesablauf. Aber so ist unsere moderne Welt. Wer sich aber zum Kurs anmeldet, hat sich meist schon entschlossen, sich in diesen fünf Wochen wirklich an das tägliche Meditieren zu halten. 

 

Interview: Andreas Schwendener | Foto: Wolfgang Schneider  – Kirchenbote SG, November 2017

 


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