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Kultur

Luther, der sprachmächtige Antipfaff

Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu zeichnet in seinem Luther-Roman das Porträt eines Mannes aus Fleisch und Blut, der dem «welschen Geschwät» und der «Papistenspuck» aus Rom den Kampf ansagt. «Evangelio» feiert den Sprachrausch und ist eine Hommage an Luther, den wortgewaltigen Anti-Pfaffen, der auch mal flucht und zetert.

Wir schreiben das Jahr 1521. Martin Luther sitzt in der Wartburg fest. Luther weigerte sich am Reichstag zu Worms, seine 95 Thesen zurückzuziehen und ist nun vogelfrei. In der Schutzhaft, die ihm der Kurfürst von Sachsen gewährt, plagt ihn eine schlechte Verdauung, er brütet Tag und Nacht, er fleht und er flucht. An Luthers Seite ist der katholische Landsknecht Burkhard, der ihn nicht aus den Augen lässt. Wachtmann Burkhard steht Luther bei, wenn ihn Koliken plagen oder Teufelsvisionen heimsuchen, und er begleitet Luther sogar, als dieser sich heimlich in Wittenberg mit dem Reformatoren Melanchthon trifft.

Angst vor Hexen

Aus der Perspektive von Landsknecht Burkhard, einer fiktiven Figur, schildert der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu in «Evangelio» einen Luther, der zunächst befremdet. Der künftige Reformator Luther lebt in einer düsteren Zeit und ist alles andere als politisch korrekt: Er fürchtet sich vor Hexen, er zetert gegen Frauen, Juden und Muslime, und er furzt. In der Haft vollbringt er aber auch sein grösstes Werk: Er übersetzt in nur zehn Wochen das Neue Testament ins Deutsche. Bodyguard Burkhard betrachtet seinen Schutzbefohlenen mit einer Mischung aus Abwehr und leiser Bewunderung: «Wer ist dieser verrückte Frater Martinus, der es mit den Römlingen aufgenommen hat», scheint er sich den ganzen Roman über zu fragen.

Die Faszination für Luther spürt man auch dem Autoren Zaimoglu an. Für den Roman hat er sich intensiv mit Martin Luther und seiner Zeit auseinandergesetzt. Neben historischen Studien gehörten auch Ortsbegehungen zu seiner Recherche. Er verbrachte lange Nächte in der Wartburg, um sich in die Protagonisten seines Romans hineinversetzten zu können.

«Ich mag die Pfaffen nicht», soll Autor Feridun Zaimoglu einst gesagt haben. Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass ausgerechnet der Kirchenkritiker Zaimoglu diesen historisch-fiktiven Roman über Luther geschrieben hat. Doch bei der Lektüre von «Evangelio» wird klar, was Zaimoglu dazu veranlasst haben mag. Zaimoglu, der selber Muslim ist, hat eigenen Aussagen zufolge etwas gegen «verbeamtete Religion», «Aberglaube» und «schales Geschwätz von der Kanzel». Mit dem Reformatoren Luther teilt der Autor das Unbehagen an leeren Glaubensformeln, machthungrigen Gottesmännern – und vor allem die Freude an der deutschen Sprache. Die Lutherbibel hat es Zaimoglu angetan. Schon als Jugendlicher packte ihn die Begeisterung für die Sprachgewalt dieser Übersetzung. Diese liess ihn nie mehr los.

Papistenspuke und Römergeschwätz

Zaimoglu ist wie Luther selbst ein Wortkünstler. «Evangelio» ist in einer Art Kunstsprache verfasst, die sich an der Sprache Luthers und seiner Zeit orientiert. Luther will «sprechen zu den Teutschen» ohne «Papistenspucke» und «Römergeschwätz». Er wendet sich gegen «den Teufel, der verwelscht» und die Papststadt Rom, in der man die «Heiligen Sankt Goldtaler und Sankt Silbergroschen verehrt».

Wer sich auf den derben Stil des Romans einlässt, der liest auch nicht ohne Vergnügen, wie Luthers von Koliken heimgesuchte «Hinterbacken beben wie ein Bär, der zwischen den Bergen brummt».

Der Sprachrausch steht klar im Zentrum von Zaimoglus Luther-Roman. An der dauerdüsteren Stimmung des Protagonisten, der Unmenge böser Omen und den üblen Ausdünstungen, die Zaimoglu etwas gar sprachverliebt heraufbeschwört, gehen Dramaturgie und die Charaktere fast zugrunde. Und doch: Zaimoglu ist mit «Evangelio» ein eigenwilliges Porträt von Luther und seiner Zeit gelungen. Derb, und trotzdem irgendwie liebevoll.

Susanne Leuenberger, kirchenbote-online.ch

Evangelio, Feridun Zaimoglu, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 31.90 Franken

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