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Kultur

Junger Geist und alte Texte

Sonja Ammann ist mit ihren 33 Jahren eine der jüngsten Theologieprofessorinnen in der Schweiz. Seit Anfang April lehrt sie an der Universität Basel über das Alte Testament. Im Gespräch erklärt sie, was sie an den uralten Texten fasziniert.

War es ein Apfel wie bei Wilhelm Tell oder eine Orange, in die Adam gebissen hat und damit die Vertreibung aus dem Paradies verursachte? «Eine Frucht war es», weiss Sonja Ammann, neue Professorin für Altes Testament in Basel. Dass wir bei der Frucht an einen Apfel denken, habe damit zu tun, dass wir oft feste Vorstellungen vom Alten Testament besitzen, die aber nicht immer zutreffen. Vorstellungen, die beispielsweise durch die Kunst genährt werden, wo in Gemälden die Frucht konkretisiert wurde – als Apfel.

Sonja Ammann stammt aus einer Gegend, die dem Apfel eine Heimat bietet: dem Thurgau oder «Mostindien», wie die Obstkammer der Schweiz auch genannt wird. In Rorschacherberg im Kanton St. Gallen, oberhalb des Bodensees, verlebte sie ihre Jugendjahre «in einer normalen reformierten Familie», wie sie es selbst beschreibt. Normal heisst hier, dass ihre Mutter in der Synode mitwirkte und Sonja Ammann den «Cevi» besuchte. Im Rahmen einer «Schnupperwoche» an der Schule entschloss sie sich, dem Pfarrer von Rorschach eine Woche lang über die Schulter zu schauen. «Die vielseitige Arbeit hat mich sehr beeindruckt», sagt Ammann. So sehr, dass sie sich dazu entschloss, Theologie zu studieren.

Uni statt Pfarramt
Der Beginn des Studiums war indes gleichzeitig der Anfang vom Ende ihres Wunsches, in den Pfarrberuf einzusteigen. «Mich faszinierte die wissenschaftliche Arbeit so sehr, dass ich den weiteren Weg auf dieser Schiene verfolgen wollte. Die Uni ist mein Ort!» Das Alte Testament und die hebräische Sprache zogen die Studentin in ihren Bann. «Ich erkannte, dass in der Auseinandersetzung mit der Sprache sich das vermeintlich Festgefügte öffnete. Vorgefasste Bilder stellten sich als möglich heraus, aber nicht als einzige Möglichkeit.»

«Das Alte Testament wird wahrscheinlich von vielen als das Buch eines Gottes angesehen, der sein Volk anleitet, führt, belohnt oder bestraft. Das ist indes nur die halbe Wahrheit, denn im ersten Testament finden sich durchaus unterschiedliche Vorstellungen», erklärt Sonja Ammann und nennt zwei Beispiele: «Im Buch Esther etwa kommt Gott gar nicht vor, im Predigerbuch (Kohelet) allenfalls am Rande. In Genesis / 1. Mose 18 bestimmt Gott nicht einfach alleine das Schicksal der Stadt Sodom. Er lässt mit sich reden: Abraham verhandelt mit ihm über die Zahl der Gerechten, um derentwillen die Stadt verschont bleiben soll. Er handelt Gott runter!»

Noch komplexer werde das Bild, wenn man den historischen Kontext der alttestamentlichen Texte hinzunehme. «Vieles im antiken Israel entsprach wohl nicht den Vorstellungen, die man sich aufgrund der alttestamentlichen Texte macht.» So war die altisraelitische Kultur zum Beispiel keineswegs bilderlos. Die Professorin nennt das Bild vom «Herrn der Strausse», das für Juda sehr typisch gewesen sei. Auch hätten Ausgrabungen zahlreiche Terracotta-Frauen zu Tage gefördert, die nach Ansicht mancher Forscher Göttinnen darstellen. Figuren, die aber im Alten Testament an keiner Stelle Erwähnung finden.

Traditionen leben
Es macht Sonja Ammann Spass, unvoreingenommen an Texte heranzugehen, die zwar Zeugen einer langen Tradition sind, aber dennoch nicht in Stein gemeisselt. «Traditionen haben sich weiter entwickelt, auch in der Zeitspanne, in der das Alte Testament geschrieben wurde.» Deshalb ist es für Sonja Ammann klar, dass die Interpretation des Alten Testaments nicht abgeschlossen ist, sondern sich aus der Perspektive jeder Zeitepoche erneuert. «Die Texte leben, sind nicht tote Buchstaben. Heute nicht und auch nicht in der Zukunft.»

Gerade in der Diskussion über schwierige Texte, die zum Beispiel frauenfeindliche Inhalte portieren, gehe es darum, den Interpretationsspielraum abzustecken. «Aber nicht so zu verdrehen, bis es mir passt», sagt Ammann bestimmt. Mit ihrer offenen Art, an die Texte heranzugehen, möchte sie den Studierenden die Angst nehmen, weist das Alte Testament doch zwischen «richtig» und «falsch» eine grosse Bandbreite auf. So wie das damalige und heutige Leben. «Es menschelt im Alten Testament ungemein.» Diese Vielfalt zu entdecken, macht für Sonja Ammann die Faszination an der Arbeit mit dem Alten Testament aus. Eine Frau, die mit ihren 33 Jahren so jung ist, dass sie sich von den Studierenden äusserlich nicht abhebt. Wahrscheinlich ist dies ein nicht unerheblicher Vorteil, um jungen Menschen ein altes Buch in einer fremden Sprache und anderen Denkweise näher zu bringen.

Franz Osswald / Kirchenbote / 10. Mai 2017

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».


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