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Kirche

Mit der Abendmahlsfeier kam auch die Sonntagsschule

An Ostern 1527 feierte die reformatorisch gesinnte St.Galler Stadtbevölkerung ihren ersten Abendmahlsgottesdienst. Anfang August beschlossen die Stadträte, für die neun- bis fünfzehnjährigen Kinder und Jugendlichen eine sonntägliche Kinderlehre einzuführen. Das Lehrmittel hierfür schufen sie noch im selben Jahr.

Da es in St.Gallen noch keine Druckerei gab, wurde die «Christliche Underwisung der Jugend im Glouben» bei den Glaubensgenossen in Zürich gedruckt. Das äusserlich unscheinbare Büchlein enthält auf 47 Druckseiten die in reformiertem Sinn modifizierten Grundsätze der christlichen Lehre. Anhand von 86 Fragen mit jeweils zuge­höriger Antwort werden diese erläutert. Dabei kamen die St.Galler noch Luther zuvor, denn der Sachse verfasste seinen Kleinen und Grossen Katechismus erst zwei Jahre später. 

Reformation 2.0

Ganz allein haben’s die St.Galler aber trotzdem nicht erfunden: Die Verfasser liessen sich nämlich von den «Kinderfragen» der Böhmischen Brüder inspirieren. Diese im heutigen Tschechien lebende Glaubensgemeinschaft pflegte den religiösen Kinderunterricht bereits rege. In 

St.Gallen übernahm man deren Katechismus aber nicht bloss, sondern überarbeitete und ergänzte ihn. Der Reformator und geistige Stammvater der Brüder, Jan Hus, war 1415 auf dem Konzil von Konstanz mitsamt seinen Schriften auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Etwas über hundert Jahre später machte nun eine vergleichbare Häresie auch auf hiesigem Boden – im doppelten Wortsinn – Schule.

Neuerungen mit Sprengkraft

Ein Teil des Inhalts, welcher dem vorangestellten Motto aus Lukas 18, 16 – «Lond die Kinder zuo mir kommen» – folgt, ist auch einer heutigen Leserschaft sofort geläufig: das Glaubensbekenntnis, die Zehn Gebote, die acht Seligpreisungen aus der Bergpredigt und natürlich das Vaterunser. Die älteren Jugendlichen und die Erwachsenen, die noch mit der Marien- und Heiligenverehrung aufgewachsen waren, mussten damals jedoch umlernen. Denn inzwischen lautete die korrekte Antwort auf die Frage, ob sie an die «Junckfrow Maria oder die anderen Heyligen» glauben würden: «Neyn, ich gloub nit in sy»! 

«Lond die Kinder zuo mir kommen.»

Beim Abendmahlsstreit, der zwischen den Anhängern Luthers und Zwinglis noch in vollem Gange war, vertraten die St.Galler bekanntlich die reformierte Position Zwinglis. Folglich hat das «Sacrament des Lybs Christi» auch im Katechismus nur noch eine Bedeutung als «würdiges Gedächtnis». «Uff diss Welt stygen» werde Jesus erst wieder beim Jüngsten Gericht. Bis dahin gilt es die Jugend vor den «tödtlichen
Begirden» und dem Einfluss der «falschen Geystlichkeit» zu bewahren. Im letzten, neu hinzugefügten Teil über die «Touff-Frag» distanzierten sich die St.Galler schliesslich auch noch von der Täuferbewegung, welche die
Kindertaufe ablehnte. 

Jugendgerechte Vermittlung

Der Katechismus war trotz seines Titels als Leitfaden für Erwachsene gedacht. Vieles dürften die Kinder und Jugendlichen ohne weitere Erläuterungen auch kaum verstanden haben. Deshalb hatten die ehemaligen Priester und nunmehr reformierten Prediger in der sonntäglichen «Kinderpredig» – wie Johannes Kessler in seiner Chronik berichtet – das «Buochli von ainer Frag an die anderen ze ercleren und usszelegen». Dies sollte dabei «nit allain dem Buochstaben nach, sundern mit Verstand» geschehen. Für die Umsetzung dieses Anspruchs bot das «Buochli» allerdings, von illustrierenden Bibelzitaten abgesehen, keinerlei pädagogische Hilfestellung. Umso mehr waren also Seelsorger gefragt, welche die eher abstrakte Materie des Katechismus für ihr junges Publikum zu beleben wussten. 

Voranzeige: Eine vom St.Galler Theologen Frank Jehle erarbeitete und kommentierte Edition des St.Galler Katechismus von 1527 wird demnächst im TVZ erscheinen. 

 

Text: Marcel Müller, Historiker, St.Gallen | Bild: Evangelische Kirchgemeinde Oberuzwil-Jonschwil  – Kirchenbote SG, Mai 2017  

 


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