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Gesellschaft

Die Zukunft spielend einüben

Christof Leutenegger (19) aus Wil ist leidenschaftlicher Gamer. Seit seiner Kindheit liebt er Spiele aller Art, seit einigen Jahren vor allem virtuelle Spiele am Computer. Er ist überzeugt, dass dieses Medium noch in den Kinderschuhen steckt und an Tiefe gewinnen wird – analog den Büchern, wo es um Triviales oder um tiefe Lebensthemen gehen kann.

Wie ich Christof Leutenegger zum Gespräch treffe, ist er eben aus Frauenfeld heimgekommen. Er absolviert dort im Spital den ersten Teil seines Zivildienstes als «Lagerungspfleger» – mitverantwortlich für die Lage der Patienten bei der Operation. 

 «Man lässt sich durch die Ideen und Bilder der Autoren leiten, kann dabei aber aktiv eingreifen und mitgestalten.»

Christof Leutenegger bereut es nicht, sich für den Zivildienst entschieden zu haben, der eineinhalbmal so lange dauert wie die Rekrutenschule. Er bezweifelt, dass er sich im Militär wirklich hätte nützlich machen können. Zudem findet er die Strukturen der 

Armee wenig ansprechend. Im Spital, so sagt er, habe er das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. «Ich lerne viel über die Gebrechen der Menschen und komme in Kontakt mit verschiedenen Ärzten.»

Christof Leutenegger schätzt diesen Einblick in die Arbeitswelt – ging er doch bis anhin vor allem in die Schule. Im Sommer 2016 machte er an der Kantonsschule Wil die Matura in mathematischer Richtung. Dann war für zwei Monate Pause angesagt: Ferien, Reisen, Loslassen. Und nun diese doch strenge und geregelte Arbeit, die ihn auch im Hinblick auf seine Berufspläne zu mehr Klarheit verholfen hat. Er will an der ETH Geomatik studieren, eine Kombination von Geografie und Informatik. Dabei lerne er, geografische Daten digital darzustellen und zugänglich zu machen. Damit ist er auch nahe an dem Thema, dem in den letzten Jahren seine grosse Leidenschaft galt: dem Computerspiel. 

Der Spieler

Schon als Kind habe er mit seinen zwei ältern Brüdern viel gespielt, damals noch mit Brettern oder Karten, später mit der Spielkonsole. Und immer habe er auch gerne gelesen, vor allem Fantasy-Literatur, sagt Christof Leutenegger. Bei den Computerspielen kommen diese beiden Welten zusammen. «Beim Gamen lässt man sich wie beim Buch durch die Ideen und Bilder der Autoren leiten, kann aber aktiv eingreifen, Entscheidungen fällen und mitgestalten.»  

So lässt sich Christof Leutenegger jetzt auch vom Computer in frühere Zeitalter oder in die Zukunft führen, um dort Proben zu bestehen, Strategien zu erproben oder heikle Missionen zu erfüllen. Die Spiele würden besser und besser, sagt er. Man könne immer mehr und präziser eingreifen. Für ihn steckt in diesem Medium ein grosses Potenzial für die Vermittlung von Wissen, aber auch für die Beschäftigung mit Grundfragen des Lebens, etwa dem Tod oder dem Sinn des Lebens. Weil die Produktion teuer ist, setzen Hersteller primär auf Spiele, die unterhalten, Spass machen und gut verkauft werden. Aber wie beim Buch werde es in Zukunft tiefsinnige und ernste Spiele geben, wenn auch für ein kleineres Publikum. Er kann sich vorstellen, dass auch die Religionen Videospiele für sich entdecken und nutzen werden.

 

Text und Foto: Andreas Schwendener  – Kirchenbote SG, Mai 2017

 

«Ich bin neutral gestimmt»

Kibo: Haben Fantasy-Literatur und Computer­spiele auch mit der realen Welt zu tun? 
Christof: Es gibt Fantasy-Literatur, in der es bloss um Gut und Böse geht. Oft sind die Geschichten im Mittelalter angesiedelt. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit den finsteren Mächten findet man in der Literatur von «dark fantasy». Mit realen Problemen der Zukunft beschäftigt sich der «Cyberpunk», der ausgehend von William Gibson in den 80er-Jahren entstanden ist. Aldous Huxleys Roman von 1932, «Brave New World», ist hier ein Vorläufer. Es geht dabei um die Macht der Märkte, die Entmündigung des Menschen oder den Klimawandel. 

Dazu gibt es auch Computerspiele? 
Ja, es gibt Spiele, wo wir uns mit echten Problemen von heute beschäftigen können, wo man prüfen kann, wohin eine ausgelebte Idee führt. 

Was macht dir Sorgen in der realen Welt? 
Es wird weltweit sorglos Auto gefahren, der Fleischkonsum steigt, immer mehr wird geflogen und militärisch aufgerüstet. Aber unsere Ressourcen sind beschränkt. 

Und Atomwaffen oder Migration weltweit? 
Ich bin kein Kind der 60er- oder 80er-Jahre. Ich hoffe, dass die Menschen intelligent genug sind, die Atomwaffen nicht zu gebrauchen. Migration gab es zu allen Zeiten, daran stirbt man nicht. Grenzen von Völkern und Nationen sind von Menschen gemacht.

Bist du optimistisch gestimmt für die Zukunft?
Ich bin neutral gestimmt. Es ist, wie es ist. Aber ich glaube nicht, dass wir die Kurve kriegen. Menschen ändern sich erst, wenn es weh tut. 

Wünschst du dir eine andere Politik? 
Ich will die Verantwortung nicht auf die Politik schieben. Wandel fängt bei einem selber an. 

Was könnte der Beitrag der Religionen sein?
In Europa haben die Religionen wenig Einfluss. Das ist für mich ein gutes Zeichen. In Südamerika oder in der arabischen Welt ist der Einfluss gross – mit unterschiedlichem Resultat. 

Wie könnte Religion sich positiv auswirken?
Nicht als grosse Institutionen, eher als etwas Privates, wo man sich zusammenschliesst.

Sobald man sich zusammenschliesst, entstehen Aufgabenteilung, Organisation und Institution. 
Ja, und dann werden die ursprünglichen Impulse wieder verwaltet. Das zeigte sich bei Franziskus. Er war überfordert mit der Organisation seines Ordens und floh in die Berge. 

Was stimmt dich optimistisch?
Der aufklärerische Gedanke, dass wir mit Wissen immer mehr erforschen können. Das empfinde ich schön am Menschen, dass er sich nicht zufrieden gibt mit seinem Teilwissen. (as)


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