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Leben & Glauben

Der zwölfjährige Jesus

Jesus geht seinen eigenen Weg und tut damit etwas Unerwartetes.

Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel…
seine Mutter sagte zu ihm: «Kind, warum hast du uns das angetan?» Lukas 2, 47a, 48b

 

Mit zwölf Jahren ist Jesus aus jüdischer Sicht an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Mit 13 Jahren wird er seine Bar-Mitzwa feiern und aus religiöser Sicht nicht nur mündig sein, sondern auch in der Verantwortung stehen, die Gebote zu halten.

«Sei du selbst, alle andern gibt es schon.» Oscar Wilde

Dieses Kind tut etwas Unerwartetes. Es geht nach dem Pessachfest in Jerusalem seine eigenen Wege und versetzt damit seine Eltern in Angst und Schrecken! Als Mutter, die diesen Text liest, kann ich mich lebhaft in die Sorgen und Nöte der Eltern versetzen, die bestimmt das Schlimmste befürchtet hatten.

Und wieder etwas Unerwartetes. Jesus entschuldigt sich nicht etwa, er äussert kein Verständnis für ihre Ängste, sondern sagt mit der trotzigen Selbstverständlichkeit eines Teenies, dass er ganz logisch gehandelt hätte. Als wäre dem Erzähler nicht ganz geheuer, fügt er zum Schluss der Geschichte an, dass Jesus sich ihnen fortan unter­geordnet hätte.

Wann ist jemand erwachsen?

Was heisst Erwachsenwerden und wann ist man es? Was denken Sie? Wenn man erstmals seine eigenen Wege geht? Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat? Wenn man sein erstes Geld verdient? Wenn man aus dem Elternhaus ausgezogen ist? 

Bestimmt hat es damit zu tun, Verantwortung tragen zu können. Es hat zu tun mit inneren seelischen Reifeprozessen, die es möglich machen, ein eigenständiges Individuum zu sein, das sich sowohl verbunden mit andern als auch selbstständig erfährt. Dazu gehört ebenso, das spielerische Kind in mir nicht zu vernachlässigen, sondern die Lust und die Freude am Leben zu pflegen.

Wenn ich so auf die Geschichte schaue, dann hat Jesus einen Schritt in die Erwachsenenwelt getan. Er hat eine eigenständige Entscheidung gefällt, die seinen späteren Weg vorzeichnete. Ein Weg, der ungewöhnlich war. Von ihm als ältestem Sohn hätte man erwartet, dass er dereinst die Tischlerei übernehmen würde. Doch bekanntlich kam es anders. 

Der rebellische Same

Der rebellische Same lag bereits hier vorgezeichnet. Seine Eltern gaben ihr Bestes. Sie verstanden seine Wege nicht immer. Einmal wollten sie ihn zurückholen, weil sie sich seiner schämten. Aber sie spürten auch, dass dieses besondere Kind seinen Weg gehen musste, dass da ein Ruf war, der grösser war als derjenige, in die Fussstapfen des Josef zu treten. Sie liessen ihn los, immer wieder neu.

Damit hat Jesus für uns den Samen gelegt, der uns den Mut gibt, dem inneren Ruf Gottes zu folgen, der zur Selbstwerdung führt, dem Ruf, der grösser ist oder anders sein kann als das, was die Familientradition fordert, was die Gesellschaft erwartet; und dies auch den (eigenen) Kindern zu ermöglichen. 

Oscar Wilde, der selbst einen schmerzlichen Weg der Selbstwerdung ging, hat es treffend ausgedrückt: «Sei du selbst, alle andern gibt es schon.» So bleibt Erwachsensein spannend, lebendig, überraschend.

 

Text: Annette Spitzenberg, St.Gallen | Foto: as  – Kirchenbote SG, Mai 2017

 


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